Die alte Schreibform des Tagebuchschreibens, die es ermöglicht, den Gedanken und Gefühlen auf ganz persönliche Art und Weise Ausdruck zu verleihen, hatten die Schüler*innen der 8b bereits in den letzten Wochen des Deutschunterrichts kennengelernt, während sie sich intensiv mit dem Tagebuch der Anne Frank auseinandergesetzt hatten.

Doch nun sollten sie in den Genuss eines digitalen Workshops aus der vom Land Schleswig-Holstein geförderten „Kulturkiste“ kommen, mit deren Institutionalisierung sich das Bildungsministerium das Ziel gesetzt hat, auch in Zeiten schwieriger schulischer Bedingungen den kulturellen Bildungsauftrag zu unterstützen.

Hannah Rau war direkt aus der Lübecker Altstadt in den Klassenraum zugeschaltet und eröffnete den Workshop mit einer Fragerunde zum Thema Schreiben. Meldeten sich zunächst nur wenige Lernende auf die Frage, ob sie gerne und viel schreiben würden. So schnellten die Finger dann doch nach oben, nachdem Frau Rau erläutert hatte, dass man sich die Kulturtechnik des Schreibens noch einmal genauer vor Augen führen sollte. Wer bewege seine Finger nicht mehrmals täglich über das Display des Smartphones und verfasse WhatsApps und Co. Das Lesen und Schreiben habe sich heute verändert.

Dass auch die Technik des Tagebuchschreibens neu gedacht werden kann, zeigte Frau Rau im Folgenden anhand einiger ungewöhnlicher Impulse, von denen sich der erste am Listengedicht „Vergnügungen“ von Bertolt Brecht orientierte. Die Schüler*innen waren angehalten, fünf Gegenstände aus ihrer Schultasche aufzuschreiben und diese um zwei gegenwärtige Gefühle zu ergänzen.

Im Anschluss an die Präsentation der Lernenden verdeutlichte Frau Rau, welche Fragen und Bilder bei den Rezipient*innen entständen, wenn Gegenstände wie Steine oder eine 8x100 mm Schraube genannt würden. Bilder seien der Schlüssel der Imagination und so galt der sich anschließende Schreibauftrag, solche Bilder entstehen zu lassen und dabei Gefühle zu vermitteln. Mit einem spannenden letzten Schreibimpuls endete der 90-minütige Schreibkurs, bei dem Frau Rau immer wieder auch Bezüge zu Anne Frank und ihrer Passion des Schreibens herstellte.

Zum Schluss rückte nun das Gefühl der Wut in den Fokus, die die Schüler*innen durch Aufnahme der Impulse „Was ich schon immer einmal fragen wollte…/Was ich schon immer einmal sagen wollte…“ ausdrücken sollten.

                                                                                                                      Caroline v. Sobbe

 

Dabei entstanden folgende Texte, die vielleicht Ansporn sind, auch in Zukunft selber einmal wieder die täglichen Erlebnisse und Gefühle zu Papier zu bringen:

 

Was ich immer schon mal fragen wollte

 

Was ich immer schon mal fragen wollte, Mama! Wieso? Wieso verbringen wir eine Stunde im Aldi, gehen durch jeden Gang, holen dieses und jenes, alles was unser Herz begehrt, nur damit du an der Kasse feststellst, dass wir Butter oder Milch oder die Lieblingsschokoriegel meiner Brüder vergessen haben?! Ich muss alleine an der Kasse stehen bleiben, damit du einmal „kurz“ für die feinen Herren Schokoriegel holst. Ich stehe da zitternd, lausche angespannt jedem Piepen, das von der Kasse ausgeht, und hoffe, dass die Person vor mir noch etwas länger nach ihrem Geld in der Brieftasche sucht. Wir sind gleich dran! Die Betonung liegt auf wir, jedoch bin ich es, die dort alleine an der Kasse steht. Ohne Geld und mit einem monströsen und viel zu unhandlichem Einkaufswagen, sodass ich am liebsten einfach wegrennen würde.                                                       

Deshalb habe ich nun Folgendes beschlossen: Gehst du noch etwas holen, dann komme ich halt mit. Punkt! Denn eins ist klar, ich werde nie wieder alleine an der Kasse auf dich warten.

(von Laila Buhr)

 

Was ich immer schon mal fragen wollte

 

Was ich immer schon mal fragen wollte ist:

Warum es so viele Menschen interessiert, wer wen liebt.

Warum kann man Menschen nicht leben lassen?

Sich freuen oder eben verpassen,

wie sich Menschen lieben.

Aber nichts gegen Liebe schieben

und kommt jetzt nicht mit Religionen.

In keiner soll man Menschen hassen,

man soll sie einfach leben lassen.

Ein Gott ist für alle da, die an ihn glauben,

und er ist Schöpfer. Und wenn gleichgeschlechtliche Liebe falsch wäre, dann gäbe es sie nicht.

Ich sage es euch ins Gesicht:

Nein,Liebe kann nicht eklig sein,

ob bei Mensch, Pinguin oder Schwein.

Zwei Leute Glück ist doch eine Bereicherung für die Welt und wenn es dir nicht gefällt,

behalte es doch für dich.

Und sag es nicht,

denn Worte können Menschen zerstören

und manchmal kann die Hilfeschreie niemand hören,

bis dann das Licht erlischt

und eine liebende Person vergisst,

warum sie liebt

und sich erschießt.

Und dann sagt ihr, es täte euch leid,

doch dafür ist nun keine Zeit,

ein Menschenleben hat diese Erkenntnis gekostet.

War es das wert?

 

(von Kaja Janssen)