Ort:                 Bargteheide KGB – Salem Campingplatz – Bargteheide KGB

Datum:           10/12.07.2016

Teilnehmer:  9D (27), Lehrkörper (2), Erziehungsberechtigte (1)

 

 

Gewöhnlicher Älternabend im Aquarium vom KGB. Am Ende der Sekundarstufe I (9. Klasse) soll eine Abschlussfahrt gemacht werden, nach Salem, ehemalige Randzone der BRD. Nur drei Tage. Der Campingplatz ist bekannt und hoch gelobt. Herr Mroz (Klasse’n‘Lehrer) schlägt den Transfer per Rad vor. Erste Zweifel kommen auf, dass es auch der Wille der Schüler ist. Nebenbei läuft ein Projekt an  der Schule 50:50. Hierbei soll auf 50% chillen zugunsten der Ökologieverzichtet werden. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Wenn denn dann eine Radgruppe zu Stande kommt.

 

Es kommt keine Autogruppezu Stande. Und irgendwann auch ein Termin. Da ich ein paar Erfahrungen mit Rad und Rat in den letzten 50 Jahren sammeln konnte, werde ich Führer (die Brexen nennen das „Guide“). Ich stelle zwei Wege zum Ziel vor. Einen über ein Teil vom x-Weg (Nordkapp-Sizilien), Länge 80km. Der andere möglichst nahe an der Luftlinie, knapp über 54km. Zweiter wird gerne genommen. Zur meiner Sicherheit rolle ich die Strecke eine Woche vorher ab. Schönes Ding, geht in die Beine und in den Kopf.

 

Der Sonntag der Abfahrt ist da. Treffen an der Schule. Sonntag, alle Geschäfte sind geschlossen, doch meine beste und einzige Schwester wohnt am Weg in Steinhorst. Sie hat rechtzeitig eine Einkaufsliste von mir bekommen. Was Radfahrer brauchen, weiß ich, aber was 15 jährige brauchen, da kann ich nur raten. 50:50Chance.

 

Ein Auto wird dann doch noch beladen, mit Zelten und Zahnbürsten. Das erleichtert die Räder. Ein paar Gesichter sind mir bekannt, lange reden und kurz nach 10:00 Uhr Sattelkontakt.  Die Stimmung ist gut, ein kleiner mündlicher Auszug aus dem Regelwerk des Gruppenfahrens  wird begeisternd aufgenommen. Irgendetwas stimmt hier nicht, keiner möchte noch mehr Regeln.

 

Dass die 9D keine Kinder mehr hat, zeigt sich am tränen- und taschentuchfreien Abschied von den Ältern. Fast unfallfrei schaffen wir den komplizierten Weg von Bargteheide bis nach Hammoor, wo die Älterndichte am Wegesrand stetig abnimmt. Nun sind wir endlich auf uns alleine gestellt, der Himmel ist blau, die Sonne erhellt unser Gemüt und milde Luft streichelt unsere Haut.Das ist Radfahren. Das Leben rollt bergauf.

 

Kurzes Erwachen, auf dem Kopfsteinpflaster (Pav eh) unter der 404 springt ein Handy von seinem Platz und schlägt unsanft auf der harten Erde auf. Glasbruch. Dumm, es hat keinen Helm getragen, da wäre ein Bruch unwahrscheinlich. Die ganze 9D trägt aber Helm, ungewöhnlich. Ungewöhnlich auch die Homogenität der Gruppe. Es wird gelacht, gefahren, rücksichtsvoll und vorausschauend, harmonischer Flow. Zeitlos sind wir an der ersten Passage angekommen, wo die Natur noch näher kommt, die Trennschicht zwischen Gummi und Erde fehlt. Und alles entgegen der Erdanziehung. Hier war ich mir ziemlich unsicher, ob das gut ist. Zumal auf Gras bergauf das kraftraubendste Radfahren ist. Zäher als auf Kaugummi am Hauptbahnhof zu laufen. Doch auch hier nur strahlende Gesichter, ich glaube es kaum. Da brauch ich nicht mit dem üblichen Radler Garn zu motivieren:

 

„Eine Kurve noch und wir sind da“.

„Nur noch bergab“.

„Hinter den Bäumen sind wir da“.

 

Da ist bei meiner Schwester. Und tatsächlich, bilden sich erste Lücken auf der Straße. Wenn die zu groß werden, wird einfach gewartet. Am Ende schicke ich Tomic vor zu seiner Tante. Die hat bei Kilometer 20 Getränke, Futter und Garten. Auch fließend Wasser in den Toiletten. Nach geschätzten drei Zigaretten wird zum Aufbruch gedrängt. Unfassbar, keiner raucht in dieser klasse Klasse und deshalb nur geschätzt. Mit meiner Schwester verabrede ich in 2h eine mobile Verpflegung mit den Resten und weiteren Getränken, bei Temperaturen über 25 Grad unverzichtbar.

 

Wir schweben weiter gegen Osten, ländliche Idylle wird durch Hupen unterbrochen. Bis jetzt hat uns der Kraftverkehr gewürdigt. Stets durfte die Gruppe im Ganzen passieren. Doch was hier passiert, ist Deutschland pur. Herr Schützenverein in seinem Opel muss durch hupen anzeigen, das er Gebrauch von seiner vorfahrtsberechtigten Straße macht und teilt die 9D. Auch sen. Schützenking kann der Gemeinschaft nicht anhaben. Einfach warten, er hat Recht und wir unsere Ruhe. Da liegt die Kraft.

 

Neben Suez- und Panamakanal ist der Elbe-Lübeck-Kanal eine der wichtigsten Wasserstraße der Welt, zumal jetzt am Ufer unsere Reifenabdrücke Spuren hinterlassen haben. Kurzes Intermezzo und der Berg ruft. Hinter Neu-Lankau geht es in den Wald bergauf. Lange. Leider wird der hintere Teil der Gruppe auf dem unebenen Weg abgehängt und biegt kurz falsch ab. Doch intuitiv wird auf den richtigen Weg zurückgefunden. Oben am Col de Vossberg vermisse ich etwas die Zugabe Rufe. Ab jetzt geht es nur noch bergab.

 

Und auf Teer. Bis zur Kette. Keiner muss Ketten sprengen, was zusammen gehört bleibt auch ohne Kette zusammen, doch scheint der lokale Bauer Angst zu haben, das sich die Pfosten auf beiden Seiten der Wegeinfahrt voneinander entfernen könnten. Nicht unser Problem, wir kennen keine Hindernisse. Und schon sind wir Höhe Mölln an der B207. Ganz üble Sache, im Gegensatz zur 9D. Wir queren in Gruppen, warten am anderen Ufer und vermissen meine Schwester. Liegt an mir, zu schnell. Ganz klar die 9D unterschätzt.

 

Trotzdem kurze Regeneration am Feldrand. Es ist zwar nur noch eine Entfernung im Teeny-Bereich zu fahren (15:50), doch aus Erfahrung weiß ich, die letzten 10% sind die härtesten und auch ich bin schon mal 5 km vorm Bett „gestorben“. Und ich kenn die Strecke, hier ist nicht nur treten angesagt, Steuerkünste, Mut und Gefühle sind gefordert. Und so bleibt es bei zwei nassen Schuhen und einem kurzen Einblick ins Cyclocross. Land aus und Landein bin ich bekannt für meine Abkürzungen, wo 50:50im Licht oder Nirwana enden. Ok, heute durch ein paar Blätter geschoben und über Stämmchen gehüpft und schon sehen wir das Licht. Auf der Strecke im Wald kam es nur zu zwei Platten und Kettenabfallern. Hier lag der Anspruch im Material und die 9D ist wieder mal unterfordert.

 

Wir queren die Erdbeerfelder von Schmilau. Verlassen die Sandwege, laben bei meiner Schwester am Auto. Ich blase wieder zum Aufbruch und fahre mit den Lehrkörpern zurück auf den Weg. Dort wartet die 9D. Träge, es sollte noch schlimmer kommen. Ich verliere den Ortschildsprint vom Salem. Gegen eine Dame. 15:50eben. Jetzt ist es nicht mehr weit, kurz noch am Ufer lang und schon ist der Gepäckwagen in Sicht.

 

 

Der Rest ist Zeltstadt aufbauen, schneller als Rom, Baden und die Uefa erklärt CR7 zum Europameister. Ich die 9D zum Weltmeister.

 

 

 

Rückfahrt, Dienstag.

 

Wieder scheint die Sonne. Kurze Inspektion vom Material. Hand in Hand verlädt die 9D das Gepäck in dem Transporter. Wieder ist pünktlich Sattelkontakt um 10:00 Uhr. Meine Schwester macht wieder die Verpflegung und wieder bin ich überrascht von der Motivation. Cilli satt Chillen.

 

Dem Wunsch nach mehr Teer komme ich gerne nach. Hab ich doch noch einen kleinen Laktatüberschuss vom Bahntraining gestern in den Beinen. Und heute haben wir Gegenwind, da muss der Boden nicht noch an uns zerren. Das beutet auch mehr Verkehr. Gerade auf der B202 zwischen Ratzeburg und Mölln birgt das eine nervliche Belastung. Doch frisch und cool fressen wir die ersten Kilometer, bis es wieder in den Wald geht. Hier nur begab. Die B207 ist heute nicht so befahren. Und bis zur Kette sehe ich nur Trainingseffekte. Nach dem Col de Vossberg auf dem Downhill wird schnelles Fahren und Bremsen in sandiger Kurve trainiert. Mit viel Erfolg. Etwas zäh rüttelt es bis zum Kanal. Fest zu stellen ist eine verdammt hohe Geschwindigkeit aller. Vielleicht kann der Anstieg zur Schützenkönigsvorfahrtstrasse die Kraft etwas aus den Beinen rauben. Teilweise, manch Fahrer/in wird erst jetzt warm. Wir Begleiter haben alle Mühe zu begleiten. Eigentlich überflüssig, denn alle fahren souverän. Über-flüssig wird der Sonnenschein kurz vor „dem Garten“, wie der Wohnsitz meiner Schwester neuerdings heißt. Der Regen peitscht, Hagelkörner werden auch gesichtet, Regenkleidung kann nicht schnell genug übergestreift werden. Wasser überall. Und schon wieder vorbei. Der April dauert dieses Jahr einfach zu lange.

 

Neben Speis und Trank gibt es heute zusätzlich Handtücher. Beim einsetzenden Regen ist weder Panik noch Egoismus ausgebrochen. Sondern es wurde in Ruhe gewartet, bis jede/r Regenmantel, Jacken oder Pullover anhatte. Durch die Entbehrungen der letzten Tage und Kilometer ist der Energiebedarf recht hoch und die Verpflegung reicht nicht ganz. Auch hier entsteht kein Unmut, sondern Dankbarkeit, dass es überhaupt etwas gab. Jetzt nur noch 20 km. Ohne die Wiese, sondern etwas weiter über Lasbek und Tremsbüttel. Hinter Stubben werden die 100km durchfahren und mit Klingelton unterlegt. Und wieder gilt weltweit: 100 gehen immer.

 

Unterwegs kann ich noch eine Dame zum Ortsschildsprint bewegen. Endlich mal Tempo. Sehr witzig. Meine Beine haben gebrannt, ohne Sonne. Irgendwann: Bargteheide 9km. Lächerlich. Deutlich vor der Marschtabelle. In Tremsbüttel wird ein Klassenkamerad verabschiedet. Die restliche 9D schleicht sich über die Felder an Bargteheide an. Und plötzlich ist der Kreisel da, wie normale Helden der Landstraße wird hier auf der Fahrbahn flüssig die Kurve genommen. Und wieder warten alle aufeinander am Fuß des Baumschulenweges um geschlossen an den Startpunkt der kleinen Reise zurück zu kehren.

 

 

 

In der heutigen Welt sehe ich viele Ellenbogen und noch wenig Güte.

Doch die 9D ist da anders.

Im obigen Fachroman habe ich nach Worten gesucht, um den Spirit der Klasse zu beschreiben.

Doch irgendwie treffen alle und doch keines.

Jede/r weiß, dass es etwas gibt, was nicht zu beschreiben ist: die Liebe.

 

 

 

D. Anke (Jan Leutz)