April 2015

Liebe Eltern,

liebe Schülerinnen und Schüler,

liebe Kolleginnen und Kollegen,

vielleicht haben Sie in den letzten Tagen die Diskussion in den Medien über eine für den letzten Schultag vor den Osterferien geplante Podiumsdiskussion verfolgt. Ich möchte Sie um einige Minuten Ihrer Zeit bitten, um sich über die Sicht der Schule auf die damit verbundenen Vorgänge zu informieren, die z. T. in den (sozialen) Medien unrichtig dargestellt werden.

Unsere Schule fühlt sich traditionell der Bildung unserer Schülerinnen und Schüler zu selbstständig denkenden Menschen besonders verpflichtet. Dazu gehört auch und besonders der Bereich der politischen Bildung, der in den Händen des Faches WiPo (Wirtschaft-Politik) und dessen Fachschaft liegt.

Aus diesem Grund haben wir es bereits mehrfach  begrüßt und unterstützt, wenn sich aus diesem Unterrichtsbereich eine Schülergruppe fand, die – zusammen mit ihrem Lehrer - eine Podiumsdiskussion mit Politikern organisiert hat, z. B. zur Europawahl. Die Erfolge gaben uns jeweils Recht: Unsere Oberstufenjahrgänge, an die sich die  Veranstaltungen richteten, zeigten großes Interesse und von der viel beschworenen Politikverdrossenheit bei Jugendlichen war nichts zu spüren.

Die für den 31. März vorgesehene Podiumsdiskussion hatte das Thema „Die Zukunft der Flüchtlingspolitik“. Eine Schülergruppe der Oberstufe hatte sich zusammen mit einem Lehrer und mit Zustimmung der Schulleitung entschlossen, die Diskussion zu planen und zu organisieren. Um möglichst alle Aspekte darzustellen, waren Vertreter der Bundes- und der Landespolitik sowie der Bürgermeister unserer Stadt Bargteheide eingeladen. Auch die Flüchtlingsbeauftragte der Stadt hatte zusammen mit einigen Personen, die in Bargteheide als Flüchtlinge aufgenommen worden sind, ihr Kommen zugesagt.

 

Die organisierende Schülergruppe hatte sich aber auch entschieden, einen Vertreter der AfD einzuladen. Dies wurde ehemaligen Schülern unserer Schule bekannt, die sich – am Nachmittag vor der geplanten Veranstaltung - per Mail mit uns in Verbindung setzten und uns aufforderten, die AfD umgehend auszuladen, da sie der Meinung waren, dass diese Partei nicht zu einer solchen Veranstaltung eingeladen werden dürfe. Für den Fall, dass dieses nicht befolgt würde, wurden friedliche Proteste und Aktionen angekündigt.

Der betreuende WiPo-Lehrer nahm daraufhin mit den betreffenden Personen Kontakt auf und lud sie ebenfalls zu der Podiumsdiskussion ein, was aber abgelehnt wurde.

Inzwischen erreichten uns – es war später Nachmittag vor der geplanten Veranstaltung – in ständig zunehmender Dichte Protestmails von anderen Personen mit ähnlichem Inhalt: die AfD sei auszuladen. Aus der Häufigkeit und zeitlichen Dichte, mit der die Mails kamen, schlossen wir, dass es wohl in den sozialen Medien einen Aufruf gegeben haben musste.

Gerne hätten wir die Diskussion wie geplant stattfinden lassen. Wir sahen uns jedoch vor der Situation, dass sich mindestens ein Protestaufruf in den sozialen Medien mit der geplanten Veranstaltung beschäftigte. Dabei konnten wir in keiner Weise abschätzen, welche Personengruppen - mit welchen Absichten - dies für den nächsten Tag im Bereich unserer Schule auf den Plan rufen würde. Hierauf – und nicht, wie z. T. falsch oder missverständlich in den Medien dargestellt auf Androhung körperlicher Gewalt durch die Initiatoren des Protestes (die gab es nicht!) – gründeten sich unsere Sicherheitsbedenken. Schule ist ein Bereich politischer Bildung, aber auch ein geschützter Raum für Schülerinnen und Schüler.

Aufgrund des engen verbliebenen Zeitfensters haben wir uns dann entschlossen, die Podiumsdiskussion ganz abzusagen. Wir veröffentlichten dies in einer Pressemitteilung.

Muss ich noch erwähnen, dass es daraufhin zahlreiche Mails und öffentliche Äußerungen von Personen gab, die der Meinung waren, wir hätten durch die Absage die Demokratie gefährdet oder in Frage gestellt? – Wir sehen dies anders: Wir glauben, dass wir durch einen lebendigen Wirtschaft-Politik-Unterricht und die Planung und Organisation von Diskussionen, bei denen sich unsere Oberstufenschüler/innen zu aktuellen Themen informieren können, unserer Aufgabe als Schule in besonderem Maße gerecht werden. Wenn aber Kräfte außerhalb der Schule wirken, deren Folgen wir – wie in diesem Falle – nicht hinreichend sicher einschätzen können, sind wir gezwungen, im Sinne der Sicherheit unserer Schülerinnen und Schüler zu entscheiden. Nicht zuletzt aus der Welle, die die genannten Vorgänge in der Öffentlichkeit hervorgerufen haben, haben unsere Oberstufenschüler/innen sicher viel gelernt und ganz bestimmt auch ihre Schlüsse gezogen.

Wie Sie sicher bereits bemerkt haben, habe ich die Nennung von Namen in diesem Telegramm vermieden. Einige Personen sind schon mehr als sie sich das selbst gewünscht hätten, namentlich im Internet und in den Medien genannt worden.

Dass die Initiatoren des Protestes nun in sozialen Medien beschimpft und mit Gewalt bedroht werden und ihnen Falsches unterstellt wird, tut mir Leid. Uns ist von diesen Personen – ich wiederhole es hier noch einmal – keine Gewalt angedroht worden. Sicherheitsbedenken gab es dennoch: Sie folgten aus dem oben beschriebenen Mechanismus.

Als Schule sind wir stolz auf unsere aktiven und motivierenden WiPo-Lehrkräfte, die Schülerinnen und Schüler immer wieder zur selbstständigen Beschäftigung mit aktuellen Fragen der Politik motivieren, dies wird sich hoffentlich auch in Zukunft nicht ändern.

Am Tag vor den Osterferien fiel die vorgesehene Veranstaltung denn auch nicht ersatzlos aus: Die WiPo- Fachlehrkräfte und die Planungsgruppe aus der Oberstufe organisierten kurzfristig eine schulinterne Diskussion, in welcher sich unsere Schülerinnen und Schüler sehr ertragreich und konstruktiv über Fragen der Toleranz und Meinungsfreiheit austauschten.

Zur Frage, ob es eine Neuauflage der geplanten Diskussion geben wird, kann ich heute noch nichts sagen. Die organisierende Schülergruppe stammt teilweise aus der Jahrgangsstufe 13 – und hat jetzt erst einmal ihre Abiturprüfung vor sich…

 

Brigitte Menell,

Schulleiterin